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SteuerrechtUmsatzsteuerReverse-Charge

Reverse-Charge § 13b UStG: Bauleistungen & Fehler

Justitia Team·

Reverse-Charge-Verfahren: Fallstricke bei der Umsatzsteuer

Das Reverse-Charge-Verfahren (Umkehrung der Steuerschuldnerschaft) gehört zu den fehleranfälligsten Bereichen des Umsatzsteuerrechts. Fehlerhafte Anwendung führt regelmässig zu Steuernachforderungen, Zinsen und im schlimmsten Fall zum Verlust des Vorsteuerabzugs. Ähnlich wie bei der Einkommensteuer ist auch hier präzise Kenntnis der Vorschriften erforderlich. Dieser Beitrag beleuchtet die wesentlichen Tatbestände des § 13b UStG, typische Praxisfehler und die aktuelle Rechtsprechung.

Grundsystematik des § 13b UStG

Regelfall vs. Reverse Charge

Im Regelfall schuldet der leistende Unternehmer die Umsatzsteuer (§ 13a Abs. 1 Nr. 1 UStG). Beim Reverse-Charge-Verfahren wird die Steuerschuldnerschaft auf den Leistungsempfänger verlagert. Der leistende Unternehmer stellt eine Nettorechnung aus; der Empfänger berechnet die Steuer selbst, meldet sie an und kann sie -- bei Berechtigung -- zugleich als Vorsteuer abziehen.

Überblick über die Tatbestände

§ 13b Abs. 2 UStG enthält einen abschliessenden Katalog von Leistungen, bei denen die Steuerschuldnerschaft übergeht. Die praxisrelevantesten Fälle:

Nr.TatbestandTypischer Fall
Nr. 1Werklieferungen und sonstige Leistungen eines im Ausland ansässigen UnternehmersIT-Dienstleistungen aus dem EU-Ausland
Nr. 4Bauleistungen i.S.d. § 13b Abs. 2 Nr. 4 UStGSubunternehmerleistungen am Bau
Nr. 5Lieferung von Gas, Elektrizität, Wärme oder Kälte durch im Ausland ansässige UnternehmerEnergielieferungen
Nr. 7Lieferung von Mobilfunkgeräten, Tablets, Spielekonsolen (ab 5.000 EUR)Grosshandel mit Elektronik
Nr. 10Lieferung von Metallen (Anlage 4 zum UStG)Stahlhandel

Ergänzend regelt § 13b Abs. 5 UStG, unter welchen Voraussetzungen der Leistungsempfänger tatsächlich zum Steuerschuldner wird -- insbesondere muss dieser selbst Unternehmer sein.

Bauleistungen nach § 13b Abs. 2 Nr. 4 UStG

Anwendungsbereich

Bauleistungen umfassen Werklieferungen und sonstige Leistungen, die der Herstellung, Instandsetzung, Instandhaltung, Änderung oder Beseitigung von Bauwerken dienen. Die Steuerschuldnerschaft geht nur über, wenn der Leistungsempfänger selbst Bauleistungen erbringt (sog. Bauleistender).

Die Freistellungsbescheinigung nach § 48b EStG

In der Praxis wird häufig die Freistellungsbescheinigung nach § 48b EStG (Bauabzugsteuer) mit der Reverse-Charge-Thematik verwechselt. Beide Regelungen betreffen Bauleistungen, haben aber völlig unterschiedliche Anwendungsbereiche und Voraussetzungen. Die Freistellungsbescheinigung betrifft die Einkommensteuer, das Reverse-Charge-Verfahren die Umsatzsteuer.

10-Prozent-Grenze

Nach der BFH-Rechtsprechung und dem BMF-Schreiben vom 10.08.2023 gilt: Der Leistungsempfänger ist dann als Bauleistender anzusehen, wenn er nachhaltig Bauleistungen erbringt. Als Nachweis dient die vom Finanzamt ausgestellte Bescheinigung nach § 13b Abs. 5 Satz 2 UStG (USt 1 TG). Ohne diese Bescheinigung trägt der leistende Unternehmer das Risiko, dass die Umkehr der Steuerschuldnerschaft zu Unrecht angenommen wurde. Auch im öffentlichen Baurecht bei Baugenehmigungen sind entsprechende Nachweise erforderlich.

Innergemeinschaftliche Leistungen

Grundregel: § 13b Abs. 1 UStG

Bei sonstigen Leistungen eines im übrigen Gemeinschaftsgebiet ansässigen Unternehmers geht die Steuerschuldnerschaft nach § 13b Abs. 1 UStG auf den Leistungsempfänger über, sofern dieser ein Unternehmer oder eine juristische Person des öffentlichen Rechts ist.

Abgrenzung zur innergemeinschaftlichen Lieferung

Die innergemeinschaftliche Lieferung (§ 4 Nr. 1 lit. b UStG i.V.m. § 6a UStG) ist streng vom Reverse-Charge-Verfahren zu unterscheiden:

  • Innergemeinschaftliche Lieferung: Steuerbefreiung beim Lieferer, innergemeinschaftlicher Erwerb beim Empfänger (§ 1 Abs. 1 Nr. 5 UStG).
  • Reverse Charge bei Dienstleistungen: Steuerschuldnerschaft geht auf den Empfänger über (§ 13b UStG), der leistende Unternehmer stellt netto ab.

Die Verwechslung beider Systematiken ist ein häufiger Fehler in der Praxis.

Häufige Fehler in der Praxis

1. Fehlerhafter Steuerausweis in der Rechnung

Stellt der leistende Unternehmer trotz Anwendbarkeit des Reverse-Charge-Verfahrens eine Rechnung mit Umsatzsteuer aus, schuldet er diese nach § 14c Abs. 1 UStG (unrichtiger Steuerausweis). Der Leistungsempfänger hat aus dieser Rechnung keinen Vorsteuerabzug, da die Steuer nicht geschuldet wird. Es entsteht eine doppelte Belastung: Der Leistende schuldet die ausgewiesene Steuer, der Empfänger schuldet sie nach § 13b UStG -- ohne Abzugsmöglichkeit aus der fehlerhaften Rechnung.

2. Unterlassene Anwendung des Reverse-Charge-Verfahrens

Wendet der Leistungsempfänger das Verfahren nicht an, obwohl er dazu verpflichtet ist, schuldet er die Steuer gleichwohl. Es drohen Nachzahlungen zuzüglich Nachzahlungszinsen nach § 233a AO (derzeit 1,8 % p.a. seit 01.01.2019, bzw. 0,15 % pro Monat).

3. Fehlerhafte Zuordnung bei gemischter Verwendung

Unternehmen, die sowohl Bauleistungen als auch andere Leistungen erbringen, müssen sorgfältig prüfen, ob sie als Leistungsempfänger unter § 13b Abs. 5 Satz 2 UStG fallen. Die Verwendungsbescheinigung (USt 1 TG) ist hier entscheidend.

4. Fehlende Rechnungsangaben

Die Rechnung muss den Hinweis auf die Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers enthalten (§ 14a Abs. 5 UStG). Ein fehlender Hinweis ist zwar kein materieller Fehler, kann aber zu Beanstandungen bei der Betriebsprüfung führen.

Vorsteuerabzug beim Reverse-Charge-Verfahren

Der Vorsteuerabzug aus der nach § 13b UStG geschuldeten Steuer richtet sich nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 UStG. Voraussetzungen:

  1. Der Leistungsempfänger ist Unternehmer.
  2. Die Leistung wird für das Unternehmen bezogen.
  3. Die Steuer wurde nach § 13b UStG geschuldet und angemeldet.
  4. Es liegt keine Verwendung für steuerfreie Ausgangsumsätze vor (§ 15 Abs. 2 UStG).

In der Praxis führt die Reverse-Charge-Systematik bei vorsteuerabzugsberechtigten Unternehmen zu einem Nullsummenspiel: Die geschuldete Steuer und der Vorsteuerabzug gleichen sich in der Voranmeldung aus. Problematisch wird es, wenn der Vorsteuerabzug ganz oder teilweise ausgeschlossen ist -- dann verbleibt eine effektive Steuerbelastung.

Aktuelle BFH-Rechtsprechung

BFH, Urteil vom 22.08.2019 -- V R 21/18

Der BFH hat klargestellt, dass die Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers bei Bauleistungen nur dann eintritt, wenn dieser die empfangene Leistung seinerseits zur Erbringung von Bauleistungen verwendet. Eine blosse Unternehmereigenschaft genügt nicht. Die Entscheidung hat erhebliche Praxisrelevanz für Bauträger, die typischerweise keine Bauleistungen im umsatzsteuerlichen Sinne erbringen.

BFH, Urteil vom 23.02.2023 -- V R 7/20

In dieser Entscheidung hat der BFH die Grundsätze zur Vertrauensschutzregelung bei § 13b UStG weiter konkretisiert. Danach kann sich der leistende Unternehmer auf die USt 1 TG-Bescheinigung des Leistungsempfängers verlassen, sofern diese nicht offensichtlich rechtswidrig ist.

EuGH-Rechtsprechung zur Gutgläubigkeit

Der EuGH hat in mehreren Entscheidungen betont, dass das Reverse-Charge-Verfahren den Vorsteuerabzug grundsätzlich nicht gefährden darf, wenn der Steuerpflichtige gutgläubig gehandelt hat (vgl. EuGH, Rs. C-564/15 -- Tibor Farkas). Diese Rechtsprechung ist auch für die Auslegung des deutschen Rechts relevant. Bei internationalen Sachverhalten sind zudem die Verrechnungspreise und die Exportkontrolle zu beachten.

Checkliste für die anwaltliche Beratung

PrüfschrittFrage
1. LeistungsortLiegt der Ort der Leistung im Inland (§§ 3a, 3b, 3e, 3f, 3g UStG)?
2. TatbestandFällt die Leistung unter § 13b Abs. 1 oder Abs. 2 UStG?
3. EmpfängereigenschaftIst der Leistungsempfänger Unternehmer (§ 13b Abs. 5 UStG)?
4. BauleistungBei Nr. 4: Erbringt der Empfänger selbst nachhaltig Bauleistungen? Liegt eine USt 1 TG vor?
5. RechnungEnthält die Rechnung den Hinweis auf die Steuerschuldnerschaft? Ist kein Steuerausweis enthalten?
6. MeldungHat der Empfänger die Steuer in der Voranmeldung (Kennziffer 46/47) angemeldet?
7. VorsteuerabzugIst der Vorsteuerabzug (ganz oder teilweise) möglich?

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Fazit

Das Reverse-Charge-Verfahren dient der Vereinfachung und der Betrugsbekämpfung -- führt in der Praxis aber zu erheblicher Komplexität. Die korrekte Anwendung erfordert eine sorgfältige Prüfung jedes Einzelfalls, insbesondere bei Bauleistungen und grenzüberschreitenden Sachverhalten. Angesichts der drastischen Folgen fehlerhafter Anwendung -- doppelte Steuerbelastung, Zinsen, Verlust des Vorsteuerabzugs -- ist eine fundierte steuerliche Beratung unerlässlich.

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